Hildesheim (hei). Kinder aus armen Stadtteilen haben eklatant schlechtere Chancen in der Schule. Das belegt die Statistik über die Empfehlungen für die weiterführenden Schulen. Grund ist offenbar fehlende Unterstützung durch die Eltern.
845 Hildesheimer Grundschulkinder haben in diesem Sommer die vierte Klasse beendet. 42 Prozent davon hatten eine Empfehlung für das Gymnasium in der Tasche – im Schnitt. Doch je nach Schule zeigen sich gewaltige Unterschiede. Die Grundschule Nord empfiehlt mit 16 Prozent die wenigsten Schüler für das Gymnasium, 26 Prozent sind es an der angrenzenden katholischen Johannesschule. Spitzenwerte hingegen gibt es im ländlich-beschaulichen Achtum (73 Prozent), an der Mauritiusschule (70 Prozent) und im wohlhabenden Itzum (63 Prozent).
Diese Zahlen hat das Schulamt der Stadt jetzt auf Nachfrage dieser Zeitung veröffentlicht. Manche der Werte sind angesichts geringer Schülerzahlen in einzelnen Schulen offenbar Ausreißer: So lag der Anteil der Gymnasial-Empfohlenen an der Grundschule Himmelsthür bei 24 Prozent, doch waren es im Vorjahr 43 Prozent. Insgesamt jedoch ist der Zusammenhang zwischen dem sozialen Status der Eltern und dem Schulerfolg der Kinder offensichtlich. Das bestätigen auch Schulleiter. „Unsere Eltern sind sehr interessiert an der Bildung ihrer Kinder und engagieren sich dafür“, sagt Claus Peter Elfers, Leiter der Grundschule Itzum. Im Einzugsbereich seiner Schule gibt es vor allem Einfamilienhäuser, kaum Hartz-IV-Empfänger und auch wenig Migranten. „Und wenn, dann sind es oft Akademikerkinder.“
In der Nordstadt sieht das ganz anders aus. Versäumt in Itzum höchstens ein Viertel der Eltern den Sprechtag in der Schule, haben die Lehrerinnen an der Grundschule Nord Schwierigkeiten, die Eltern überhaupt je zu Gesicht zu bekommen. Immer neue Generationen von Schülern ohne Deutschkenntnisse würden dort eingeschult, berichtet Schulleiterin Hedwig Bramlage-Müller (siehe Interview). Mit ihren Kolleginnen versucht sie das Beste – doch bevor ihre Zöglinge später im Gymnasium scheitern, empfiehlt die Schule dann lieber die Real- oder die Hauptschule.
Kann die Stadt als Schulträgerin solche Unterschiede hinnehmen? Schul- und Sozialdezernent Dirk Schröder sagt, eine Aussage dazu wäre verfrüht. Zunächst müsse man mit den Schulleitern über die Gründe sprechen und auch einen landesweiten Vergleich ziehen. Dennoch, sagt er, habe die Stadt die Probleme erkannt und versuche gegenzusteuern. „In Drispenstedt etwa sieht es doch heute schon viel besser aus als früher.“ Er verweist auf die Angebote des Kinder- und Jugendhauses wie Sprachförderunterricht, Kunstprojekte, Hausaufgabenhilfe oder Hilfe bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Auch in den Schulen gebe es Hilfen wie den Schulsozialarbeiter oder das Rucksackprojekt. Dabei soll eine Honorarkraft „die Erzieherkompetenzen bildungsferner Eltern verfeinern“, wie es im Konzept heißt.
Ein Problem ist, dass in manchen Stadtteilen sehr viele solcher Eltern leben. Die Aufgaben für die Schulen sind so sehr unterschiedlich verteilt. „Große bezahlbare Wohnungen gibt es eben fast nur in der Nordstadt und in Drispenstedt“, sagt Sozialdezernent Schröder. Die Grundschule Nord nehme zusätzlich auch noch die Kinder aus der Asylbewerberunterkunft auf. Schröder hält das für sinnvoller, als diese auf verschiedene Schulen zu verteilen. „Dort gibt es Unterricht in Kurdisch, Arabisch, Türkisch und Albanisch, und es ist auch besser, wenn sich die Kinder in der Nachbarschaft zum Spielen verabreden können.“
Schröder kündigt an, die Zahlen nun im Schulausschuss zu besprechen.
(Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 25. September 2010)