Wer wissen will, was Börde-Bauern besonders macht, muss nach Bettrum fahren. Fast 500 Jahre lang hat Edith Tostmanns Familie ihren Hof bewirtschaftet, der Stammbaum umfasst 13 Generationen. Offen ist nur, wie es weitergeht.
Text: Norbert Mierzowsky, Fotos: Julia Schlemeyer

Edith Tostmann hat ordentlich eingeheizt, wie sich das eben gehört, wenn man Besuch empfängt. Hochgeschlossene weiße Bluse, Perlenkette, grüne Strickjacke. So sitzt sie in der guten Stube ihres großen Bauernhauses. Vor ihr liegt die Geschichte ihrer Familie, liegt die Tradition selbstbewusster, hart arbeitender Börde-Bauern: alles auf einem Blatt Papier. Sie streicht mit ihrer Hand über das in sorgsamer Handschrift beschriebene alte Dokument. 464 Jahre Familiengeschichte, eine Liste mit Geburten und Hochzeiten von 13 Generationen – ihre Vorfahren. 464 Jahre, in denen die Familie Tostmann auf der eigenen Hofstätte in Bettrum gewirtschaftet und in der weiten Börde ihre Felder bestellt hat. Edith Tostmann ist die einzige Überlebende ihrer Generation, ihre Familie hat bis zu ihren Schwiegereltern in jeder Generation sieben Kinder geboren. Sie selbst hat drei Kinder und vier Enkel. Sie hat ihren Sohn. Derjenige also, der nach ungebrochener Tradition den Hof übernimmt, der die Geschichte weiterführen soll. Es ist die Geschichte, die Edith Tostmann nicht loslässt.
Ihren Besuchern zeigt sie gerne die Liste ihrer Ahnen. Sie hat sie 1948 zu ihrer Hochzeit bekommen, als sie in die Familie Tostmann eingeheiratet hatte, erzählt die heute 86-Jährige: „Das ist wie ein Familienschatz für mich.“ Und wie eine Reise durch die Jahrhunderte.

Vielleicht beginnt diese Reise bereits 1536, als der damalige Lübecker Bürgermeister und Reformator Jürgen Wullenwever nur fünf Kilometer von Bettrum entfernt im Kerker der Burg Steinbrück gefangen gehalten und gefoltert wurde. Ob es damals schon einen Tostmann als Vorfahren gab, weiß sie nicht mit Sicherheit. Dokumentiert wurde der Name erstmals 1548 im Geburtsregister des damaligen Amtes „Steinbrück“: „der alte Tostmann“ steht dort. Wullenwever, der ein Jahr nach seiner Gefangennahme hingerichtet wird, ist Opfer der Kämpfe der katholischen Kirche gegen die Protestanten, zu denen auch die Tostmanns zählten. „Wir sind immer evangelisch geblieben“, erzählt die 86-Jährige und blickt von dem Stammbaum auf. Blitzende, lebendige Augen, ein offenes Lächeln: „Ich bin stolz auf unsere Familiengeschichte.“
Ihr Mann und sie haben daran mitgeschrieben. Jürgen Tostmann war nach sechs Töchtern endlich der ersehnte männliche Nachkomme, der den Hof übernehmen sollte. Sein Vater ist 1906 mit 31 Jahren Großbauer geworden. 1914 zog er in den Ersten Weltkrieg, als er zurückkam, musste er seinen Hof vor dem Ruin bewahren. Der Erbe hatte die Pflicht, seine sechs Geschwister auszuzahlen. Bislang hatte ihm seine Frau sechs Töchter geboren. Doch das bedeutete zusätzliche Kosten mit der Aussteuer. Ein letztes Mal wurde seine Gattin schwanger und brachte kurz vor Weihnachten 1924 den ersehnten Jungen zur Welt.
Er stand vor schwierigen Aufgaben. „Mein Mann und ich haben den Hof selbst quasi bei Null übernommen“, sagt die Rentnerin: „Wir haben hart gearbeitet und alles wieder aufgebaut.“ Im Laufe der Jahre konnte das Paar sogar Land dazu kaufen und damit an die frühere Bedeutung des Hofs anknüpfen. Man war wieder wer.

Edith Tostmann richtet sich gerade auf dem Stuhl auf. Hinter ihr hängen zig Geweihe an der Wand, zeugen von dem Privileg der Jagdpacht, die ihr Mann so genossen hat. Der ist mittlerweile gestorben, neue Trophäen hat schon lange keiner mehr aufgehängt. Kurz hängt die Frau ihren Gedanken nach. „Aber man muss ja weitermachen“, sagt sie dann und zuppelt ihre Strickjacke zurecht.
„Es gibt keine andere Familie, die in der Region so eine lange Tradition vorweisen kann“, weiß auch Heinz Ohlendorf zu berichten. Seit zehn Jahren dokumentiert er mit anderen Bettrumern Zeugnisse der Ortsgeschichte. Als Besitzer einer der größten Bauernhöfe mussten die Tostmanns 1848 kräftig zahlen, um die damals geplante Dorfkirche zu finanzieren. „Dafür wurden der Familie aber auch sechs Sitzplätze in der Kirche zugesprochen“, weiß der Heimatforscher.
Vom Wohlstand, von der Tradition, zeugt auch der große Eichenschrank, den handgeschnitzte Jagdmotive zieren. „So ist das auf dem Land“, sagt die energiegeladene Frau und strahlt. Als gelernte Hauswirtschafterin weiß sie, wie man organisiert, wie man alles selber in die Hand nimmt. Auf dem Hof kamen die Jagdhornbläser zusammen, bevor es auf die Pirsch ging, und hierhin brachten sie das erlegte Wild zurück. Zeiten, in denen Edith Tostmann als junge Gastgeberin die Besucher bewirtet hat. Sie schweigt, es wirkt, als höre sie noch einmal die Reiter auf den Hof zurückkehren und wolle in ihre Küche eilen. Sie atmet tief durch. Mag sie auch die alten Tage oft im Sinn haben, im Alltag blickt sie nach vorn und nimmt an der Dorfgemeinschaft teil. In der Dokumentationsgruppe etwa. Bei den Landfrauen. Oder im Turnverein: Am Sonnabend hat sie für ihre 25-jährige Mitgliedschaft im SV Bettrum die silberne Ehrennadel bekommen. „Ich turne zwar nicht mehr“, schmunzelt sie, „aber dazugehören ist mir wichtig“. Die Woche ist gut gefüllt, auch der Kirchgang zählt dazu. Mit dem Abstecher auf den Friedhof. Ein Moment der Stille, in dem sie am Grab ihres Gatten steht und vielleicht nach Beistand sucht. Doch all das lässt sie sich mit keinem Wimpernschlag anmerken.

Lieber greift sie ihren Stock und führt durch ihr Anwesen, das jetzt ihr Sohn Jürgen bewirtschaftet. Ein großes Haus, das von der Arbeit zeugt, mit der die Familie Ansehen und Einkommen erwarb. In einer weiteren Stube hängt noch die edle Tapete, die sie und ihr Mann einst bedrucken ließen. Blumenmotive auf grünem Grund. Sie entschuldigt sich, dass es in den Zimmern kühler ist: „Man kann so einen Hof ja nicht überall heizen.“ Mit Verschwendung hat es noch keiner weit gebracht.
Aber Stil muss sein. In einem großen Sideboard bewahrt sie das Geschirr und die Tischdecken für die Feiertage auf. Die Sitzkissen auf den Polstermöbeln haben den klassischen Knick, auch wenn der Raum nicht genutzt wird, auf dem Mamortisch steht ein frisches Blumengesteck. Edith Tostmann steigt langsam die Treppe ins Obergeschoss hoch: „Die Hüfte will nicht mehr.“ Kein Jammerton in der Stimme, sie will nur erklären, dass sie kein junges Reh mehr ist. Es geht durch Zimmer um Zimmer, architektonisches Zeugnis des Kinderreichtums der Familie. Besonders stolz ist Edith Tostmann auf eine weiße Jacke, deren Stoff sie am Ende des Zweiten Weltkrieges in der Michelsenschule selbst gewebt hat, 1944 muss das wohl gewesen sein. Sie nimmt das Kleidungsstück vom Bügel, schlüpft hinein. Mag ja sein, dass manche 50-Jährige bei derlei Anproben vor Schmerz zusammenzucken, die Rentnerin aber verzieht keine Miene. Auf ihre Gesundheit achtet sie. Mehrmals pro Woche kommt eine Masseurin ins Haus. Trotz der Größe des Wohnhauses ist alles in Schuss. Nur das Spinnrad im Flur muckt, als sie sich davor setzt und das große Rad in Schwung versetzt: „Das lieben die Enkelkinder, aber sie vertüddeln mir auch immer wieder die Fäden!“
Fast wie die Fäden, die die Generationen dieser Familie verknüpfen, die aber manchmal schwer zu entwirren sind. Immer wieder macht es sich ein Familienmitglied zur Aufgabe, mehr Licht in die Vergangenheit zu bringen. Edith Tostmann hütet eine ganze Kladde voller Aufzeichnungen und Vermerke. Vom 30-jährigen Krieg bis zu den Weltkriegen, auch in unruhigen Zeiten bauten die Tostmanns Weizen, Gerste und noch Hafer für die Pferde an, brachten fleißig ihre sieben Kinder zur Welt.
Wurde geheiratet, hat meist der älteste Sohn den Hof übernommen. Die Eltern kamen aufs „Altenteil“, hatten freie Unterkunft und Kost im Haus. „In der Regel Fleisch und Wurst von einem Schwein, für die Woche immer genug Mehl, Butter und Eier“, erzählt die 86-Jährige. Die Geschwister wurden ausgezahlt: „Das musste der Hof abwerfen.“
Dass er auch für kommende Generationen noch genug abwirft, dass die Geschichte der Bauernfamilie aus Bettrum weitergeht – „ich hoffe darauf“, sagt sie, als sie beim Abschied mit freundlichem Blick und wehendem Haar auf ihrem Hof steht. Auf dem Dach die Fotovoltaikanlage, in den Ställen Maschinen statt alter Gespanne. Edith Tostmann weiß genau, dass fürs nächste Kapitel nur noch ihr Sohn infrage kommt.
Die Enkel werden wohl andere Wege gehen. Ob ihr das etwas ausmacht? Sicher, sagt sie, und lächelt trotzdem. Gleich ist ja auch Kaffeezeit. Und vielleicht hat sie noch Lust, schnell einen Kuchen zu backen. Drinnen in der alten Küche der Bettrumer Tostmann-Bauern.

Martin Hartman, Stadtarchiv Hildesheim. Foto: Meinecke
Ahnenforschung beginnt Ostern. Oder Weihnachten, an einem runden Geburtstag oder bei einem Stück Kuchen. Wer den eigenen Stammbaum gedanklich hinaufklettern möchte, der kommt um Gespräche mit Angehörigen nicht herum. Noch vor der Ahnenforschung steht das Interesse an der eigenen Herkunft. Ist es einmal geweckt, sind es die Angehörigen, die Wissenslücken mit Geschichten füllen und alte Familienunterlagen vom Dachboden kramen. Selbst in kleinen Familien verliert man bei all den Informationen aber schnell den Überblick. Da hilft nur eins: ein System, um Notizen, Bilder und Urkunden zu ordnen. Martin Hartmann, Bereichsleiter des Hildesheimer Stadtarchivs empfiehlt, dazu ein Computerprogramm zu benutzen. Er hat privat einige ausprobiert und nutzt mittlerweile das kostenlose Programm „Ahnenblatt“. Bei vergleichbaren Online-Diensten ist aus Hartmanns Sicht Vorsicht geboten. Sie speichern die Informationen ihrer Nutzer.
Der nächste Schritt ist dann die Kontaktaufnahme mit dem Standesamt. Dort sind Geburtsregister, die weniger als 110, Heiratsregister, die weniger als 80, und Sterberegister, die weniger als 30 Jahre alt sind, verwahrt. Ältere Dokumente gibt’s in den Stadtarchiven. Diese kann jeder für 10 Euro am Tag einsehen. Schriftliche Anfragen beantworten die Archivmitarbeiter für 15 Euro pro Viertelstunde. Allein in Hildesheim gab es vergangenes Jahr mehr als 700 Anfragen auf Einblick in die Register. Die Tendenz ist steigend. „Man darf jedoch nicht vergessen: Archivforschung ist entweder Lust oder Frust“, warnt Hartmann. Nicht jeder findet, was er sucht. Die Standesämter dokumentieren Personenstandsdaten erst seit 1874. Informationen aus weiter zurückliegenden Jahrhunderten sind in Kirchenbüchern festgehalten. Sie erfassen allerdings kirchliche Amtshandlungen, also beispielsweise die Taufe statt der Geburt. Hürden müssen Ahnenforscher auch nehmen, wenn sie das gesuchte Dokument gefunden haben, aber den Text nicht lesen können. Die Schriftstücke liegen mitunter in altdeutscher Schrift vor oder enthalten ungewöhnliche Abkürzungen und unterschiedliche Schreibweisen einzelner Namen. Angehenden Ahnenforschern rät Hartmann: „Es ist wie mit allen Forschungen. Was auch immer Sie tun, irgendwann müssen Sie anfangen.“



