Schnee und Eis lassen Siggi Reif kalt. Der Obdachlose schlief zuletzt 1977 in einem Bett. Tauschen will er nicht: „Ich lebe auf der Straße, und ich werde auf der Straße sterben.“
Text: Peter Rütters, Fotos: Andreas Hartmann

Minus 13 Grad? Siggi Reif zuckt nur einmal kurz mit den Schultern und rollt die blaue Iso-Matte über den kalten, grauen Gehwegplatten aus. Hier, zwischen dem Rathaus und dem Van-der-Falk-Hotel wird er die Nacht verbringen. Freiwillig: „Ein ideales Plätzchen“, sagt der Mann, der schon seit über 30 Jahren nicht mehr in einem Bett geschlafen hat. Zwei Decken, ein Schlafsack und eine Mütze – mehr braucht der 55-jährige Obdachlose nicht. Und vielmehr hat er auch nicht. Sein Hab und Gut ist in einem Tramper-Rucksack und einem Einkaufs-Trolley verstaut. Was ihm im Leben am wichtigsten ist, passt dort allerdings nicht hinein: Seine Freiheit und die beiden Hunde Sina und Bianca.
Es hätte ein ganz normales Leben mit Frau, Kindern und einem ordentlichen Job als Koch werden können, wäre da nicht dieser 23. September 1977 gewesen. Das Datum verfolgt Siegfried Reif, den alle nur kurz Siggi nennen, noch heute, denn an jenem Tag gerät seine Welt aus den Fugen. Bei einem Verkehrsunfall in Süddeutschland kommt seine damals 20-jährige Freundin Petra ums Leben: „Ich habe von einem Tag auf den anderen hingeschmissen“, sagt Reif.
Nach der Beerdigung von Petra will er einfach nur noch weg, alles hinter sich lassen, was ihn an seine Lebensgefährtin erinnert. Er tippelt los, ohne Ziel, ohne Perspektive. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich als Tagelöhner. Frühmorgens steht er vor dem Arbeitsamt, wo es Anfang der 80er Jahre noch Aushilfsjobs auf dem Bau gibt. Aber eben nichts Festes. Deshalb zieht er weiter. Immer weiter: „Ich habe ein paar Mal versucht, auf die Beine zu kommen, doch das hat nie richtig geklappt“, sagt der Mann, der sich heute als Bettler durchschlägt.

Auf seinem Fußmarsch quer durch Deutschland kreuzt er immer wieder in Hildesheim auf. In diesen Tagen sitzt er in der Fußgängerzone vor dem blauen Bauzaun der Arneken-Galerie direkt unter seinem Foto. Das stammt von Merle Wichmann, die ihn im Jahr 2010 für den Wettbewerb „Mein Hildesheim – wo ich mich wohlfühl“ ablichtete. Das Bild zeigt den Obdachlosen im Buswartehäuschen an der Kardinal-Bertram-Straße / Ecke Hagentorwall. Doch die meisten Passanten eilen vorbei, erkennen nicht den Zusammenhang zwischen dem Mann auf dem Foto und dem Original darunter.
Siggi Reif hockt auf dem eiskalten Straßenpflaster, hat die Beine mit einer roten Decke bedeckt, unter die sich auch seine beiden Hunde verkrochen haben. Vor dem Bettler steht ein roter Emailletopf, den er kurzerhand zur Spendendose umfunktioniert hat. Ab und an landet ein Euro im Topf, manchmal sind es sogar zwei. „Vielen Dank und einen schönen Tag noch“, sagt Reif dann höflich. Aggressives Betteln ist nicht sein Ding.
Das hat ihn bei vielen Hildesheimern beliebt gemacht: „Mensch Siggi, schön, dass du wieder da bist“, sagt Bärbel Schelle, als sie beim Einkaufsbummel den Mann mit der schwarzen Lederweste entdeckt. Eigentlich sollte es bei ihr schlesische Wellwurst zum Abendbrot geben, doch beim Anblick der Hunde greift sie in die Tasche und im Nu haben Sina und Bianca die schlesische Delikatesse verspeist: „Der Siggi ist ein ganz Lieber, der astrein für seine Tiere sorgt“, sagt die Frau, bevor sie sich ein weiteres Mal aufmacht, um sich etwas zum Abendessen zu besorgen.

Es sind nicht die einzigen Futterspenden für Sina und Bianca, wie die Dosen auf der Wolldecke beweisen. Gut gemeint, aber bei diesen frostigen Temperaturen eher ungeeignet, weil der Inhalt schnell einfriert. Deshalb freut sich Reif umso mehr, als ihm Sigrid Harms wenig später eine Packung Pedigree Trockenfutter in die Hand drückt. Sie kennt den Bettler und seine Hunde schon seit drei, vier Jahren. Wenn sie das Trio sieht, gibt es immer eine kleine Überraschung: „Das ist mir ein Anliegen“, sagt Sigrid Harms.
Die Almosen kann Reif gut gebrauchen, weil ein Leben mit seinen beiden treuen Weggefährten teuer ist. Die jährliche Impfung beim Tierarzt kostet jeweils 58 Euro, was zusammen fast ein Drittel des monatlichen Hartz-IV-Regelsatzes ausmacht: „Zum Glück liegen die Impftermine ein halbes Jahr auseinander“, sagt Reif und streichelt seiner Sina übers Fell. Der Schäferhund-Huskie ist elf Jahre, braucht für seine altersschwachen Knochen ein teures Aufbaupräparat. Deshalb legt Reif den einen oder anderen Euro zur Seite, der in seinem Spendentopf landet. Er selbst braucht nicht viel zum Leben. Zwar würde sich der gelernte Koch gern mal wieder seine Leibspeise zubereiten. Doch so eine Rinderroulade bräuchte viel zu lange, um im Camping-Spirituskocher gar zu werden. Deshalb steht bei ihm im Winter meist Eintopf auf dem Speiseplan: „Der wärmt so schön den Magen.“

Natürlich hat Siggi Reif von den 29 Obdachlosen gehört, die in diesem Winter in Polen erfroren sind. Nach 34 Jahren auf der Platte weiß er auch warum: „Die hauen sich den Schnaps rein und merken dann nichts mehr.“ Klar, auch er trinkt im Sommer gern mal ein Bier, aber eben nicht im Winter. Kaffee und heißen Kakao, das sind die Getränke, die er jetzt braucht. Aber das A und O, um in der Kälte zu überleben, ist für ihn eine eiserne Disziplin. Bevor er nachts in seinen Schlafsack schlüpft, legt er Fleecejacke, Lederweste und Jeans beiseite und zieht sich bis auf die Unterwäsche aus. Weil der Mensch nachts schwitzt und dadurch die Klamotten klamm werden: „Dann schlotterst du am nächsten Tag wie ein Schneider“, sagt der Berber über diesen Anfängerfehler. Mit seiner Übernachtungsstrategie hat er all’ die Jahre durchgehalten und ist selbst bei Tiefsttemperaturen von minus 28 Grad nicht ein einziges Mal krank geworden. Bis auf einen Schnupfen, „aber der zählt ja nicht.“
Deshalb möchte er auch nicht mit seinen obdachlosen Kollegen tauschen, die jetzt wieder in den Gemeinschaftsunterkünften überwintern. Ein paar Mal hat er da schon vorbeigeschaut und gleich wieder die Flucht ergriffen, weil in den Herbergen nur die „Krakeeler und Besoffenen“ hocken. Und dann gibt es noch das Problem mit den Hunden, die er nicht mit ins Heim nehmen darf. Dann lieber auf die Platte unter den Arkaden am Rathaus. Ein Platz, der für Siggi Reif wie geschaffen ist: Kein Regen, kein Wind – und keine Randalierer, denn der Durchgang ist kameraüberwacht. Aber Angst vor Übergriffen hat der Berber sowieso nicht, schließlich weichen Sina und Bianca auch nachts keinen Schritt von seiner Seite.
In der nächsten Woche werden die drei Hildesheim wieder verlassen, ein neues Ziel gibt es noch nicht. „Mal sehen, wo uns der Weg hinführt. Hauptsache ich bin frei und niemand quatscht mir ins Leben“, sagt Siggi Reif. Irgendwann wird er wiederkommen und in seinen Schlafsack neben den Fahrradboxen am Verwaltungsgebäude kriechen. Und irgendwann wird es einmal ganz vorbei sein, das Leben: „Ich lebe auf der Straße, und ich werde auf der Straße sterben“, sagt Siggi Reif.

So kennen ihn die Menschen in der Oststadt. Vor dem Rewe-Markt verkauft Uwe Wisserroth das Asphalt-Magazin.
„In Hannover bist du der letzte Penner“
Ex-Berber Uwe Wisseroth hat wieder ein Dach über dem Kopf
Der Mann ist nicht zu übersehen. Dick vermummt sitzt Uwe Wisseroth auf seinem kleinen Hocker vor dem Rewe-Einkaufsmarkt am Hildesheimer Ostbahnhof. Die Strickmütze hat der 47-Jährige tief ins Gesicht gezogen, seine gepolsterte, schwarze Winterjacke soll den Körper des schmächtigen Mannes vor dem eisigen Wind schützen. Handschuhe trägt er nicht, denn Wisseroth braucht seine Finger. Er verkauft das Asphalt-Magazin, mit der sich Obdachlose oder ehemals Wohnungslose einen kleinen Hinzuverdienst zum Hartz-IV-Regelsatz von 374 Euro sichern. 130 Exemplare hat er zum Stückpreis von 80 Cent gekauft, für das Doppelte will er die Straßenzeitung nun an den Mann bringen. Das Heft unterhält mit Reportagen und Portraits, thematisiert gesellschaftliche Brennpunkte und bringt immer wieder Nachrichten aus der Obdachlosen-Szene.
Die ist Uwe Wisseroth bestens bekannt, denn der Hildesheimer hat selbst „neun Jahre Platte gemacht“, bevor er in ein halbwegs bürgerliches Leben zurückkehrte. Heute wohnt er in einer kleinen Dachgeschosswohnung, die ihm Roderich Göhl von der Ambulanten Hilfe für Wohnungslose besorgt hat. In der Diakonie-Einrichtung kümmern sich drei Sozialarbeiter um Menschen wie Uwe Wisseroth. 328 Männer und 74 Frauen besuchten im vergangenen Jahr die Beratungsstelle in der Hannoverschen Straße 2. Nicht alle sind obdachlos, aber viele haben keinen festen Wohnsitz, übernachten bei Freunden und Bekannten.
In der Ambulanten Hilfe holen sie sich den Hartz-IV-Tagessatz von 12,47 Euro ab. Und sie können dort ihre Wäsche waschen, duschen, Kaffee trinken und einmal in der Woche kostenlos frühstücken. Donnerstags gibt es Lebensmittel von der Tafel. Wer ein Bett für die Nacht sucht, bekommt einen Platz im städtischen Wohnheim am Langen Garten zugewiesen. Dort hat die Ambulante Hilfe derzeit acht von 99 Betten belegt. Platz für weitere Obdachlose ist vorhanden: „Wir geben den Menschen das, was sie am meisten brauchen. Geld und einen Schlafplatz“, sagt Sozialarbeiter Göhl.
Wie wichtig dieses Angebot gerade jetzt ist, zeigte der strenge Winter 2011, als allein in Deutschland 15 Obdachlose erfroren. Hildesheim tauchte in der Statistik der Kälte-Opfer nicht auf.
Uwe Wisseroth kann sich noch gut an die Zeit erinnern, als er selbst „ganz unten war“, nicht wusste, wo er die Nacht verbringen soll. Es gibt mehrere Gründe, die ihn damals den Boden unter den Füßen wegzogen. Die gescheiterte Beziehung zu seiner Freundin zählt dazu, besonders aber der Alkohol: Anfang der 90er Jahre schlägt sich Wisseroth als Hilfsarbeiter auf dem Bau durch. Dort beginnt er mit dem Trinken. Erst nur Bier, zum Schluss sind es drei Flaschen Wodka oder Whiskey pro Tag. Eine Menge, die auf Dauer kein Körper aushält. 2001 wird er im Delirium auf die Intensivstation eingeliefert, muss operiert werden. Als ihn die Ärzte wieder entlassen, steht er auf der Straße und ist zu 40 Prozent schwerbehindert. Seine Bauchspeicheldrüse hat den jahrelangen Alkoholmissbrauch nicht verkraftet. Seit diesem Tag rührt Wisseroth keinen Tropfen mehr an: „Das wäre mein Todesurteil.“
Drei Jahre wohnt er nach der Operation in einer Hildesheimer Gartenlaube, knapst die Pacht für das Grundstück von der Sozialhilfe ab. Danach zieht es ihn nach Süddeutschland. Eine Gegend, an die er keine guten Erinnerungen hat. Besonders nicht an jenen Freitag, an dem sich der Obdachlose bei der Arbeitsagentur in Nürnberg seinen Wochenendsatz von knapp 25 Euro abholen will. Er gerät mit der Sachbearbeiterin in Streit. Ein Wort gibt das andere. Es kommt zum Eklat: Die Frau droht mit Hausverbot. Doch Uwe Wisseroth braucht das Geld, schnappt sich aus Verärgerung ein paar Akten und wirft sie gegen die Wand. Einer der Ordner trifft die Frau am Arm, die ihn prompt anzeigt. Weil er keinen festen Wohnsitz hat, wird er festgenommen und muss sechs Wochen in Untersuchungshaft. Ein Gericht verurteilt ihn später zu sechs Monaten Freiheitsstrafe mit dreijähriger Bewährungszeit.
Wisseroth kehrt im Dezember 2010 nach Hildesheim zurück. Das erste Weihnachtsfest in der alten Heimat verbringt er beim Guten Hirten, wo Diakon Otto eine festlich gedeckte Tafel mit Gulaschsuppe und bunten Tellern hergerichtet hat. Uwe Wisseroth genießt diese Herzlichkeit, die ihm nicht überall in Deutschland begegnet ist. Mal wird er nachts durch Fußtritte gegen den Schlafsack aus dem Bahnhof vertrieben, mal muss er sich vor einer Horde Jugendlicher in Sicherheit bringen, die ihn zusammenschlagen will. „In Hannover und den anderen Großstädten bist du der letzte Penner, aber in Hildesheim haben sie wirklich ein Herz für Obdachlose. Das ist kein Getue“, sagt der Asphalt-Verkäufer vor dem Rewe-Markt. Mit dem Erlös will er sich über Wasser halten, denn noch ist sein Antrag auf Erwerbsminderungsrente nicht durch.
Drei Zeitungen ist der Langzeitarbeitslose an diesem Morgen schon losgeworden. Eine Frau drückt ihm sogar einen Fünf-Euro-Schein als Trinkgeld in die Hand: „Weil es so bitterkalt ist.“