Ein Hildesheimer vergeht sich zehn Mal an seiner Tochter – dieser Fall lässt alle fassungslos zurück. Nicht nur die Justiz, die den Mann bestrafen muss. Sondern auch seine Mutter, die versucht, zu ihm zu halten.
Text: Christian Wolters, Fotos: Andreas Hartmann

Kann man einen Vater verstehen, der seine eigene, nicht mal zwei Jahre alte Tochter missbraucht? Kann man nachvollziehen, weshalb er sein Geschlechtsteil an dem nackten Kleinkind reibt und das in zehn Fällen auch noch fotografiert? Die Jugendschutzkammer des Hildesheimer Landgerichts versucht das zumindest. Es ist ein grauer Januartag, Nieselregen weht von außen an die Scheibe des gut geheizten Saals 147, in dem sich Richter Volker Heckemüller und seine Kollegen mal wieder mit menschlichen Abgründen beschäftigen. Vor ihnen, auf dem Richtertisch, liegt die Bildakte. Erschütternde, anonyme Fotos, die hier eigentlich niemand sehen will. Nicht mal mehr der, der sie mit seinem Handy geschossen hat. Bleich, nervös, so sitzt der 27-Jährige neben seinem Anwalt Erhard Hallmann, und es wirkt, als suche er an dem blauen Kuli Halt, den er für Notizen in die Hand genommen hat. „Also, was jetzt der direkte Auslöser für diese Taten war, kann ich nicht sagen“, erklärt der Angeklagte. Seltsam gestelzt klingt das. Und so oft Richter Heckemüller auch nachfragt, viel mehr bekommt er von dem Mann zu diesem Thema heute nicht zu hören. Keine zwei Stunden später hat die Kammer den Hildesheimer wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes in Tateinheit mit Missbrauch von Schutzbefohlenen in zehn Fällen zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Als die Justizwachtmeister ihn in Handschellen abführen, winkt er einer dünnen, unscheinbaren Frau, die den kurzen Prozess von der letzten Reihe aus verfolgt hat. Auch sie hatte sich Antworten erhofft und geht nun ohne nach Hause. Irgendwie will sie zu ihm halten. Sie ist schließlich seine Mutter.
Die 54-Jährige hat lange auf diesen Gerichtstermin gewartet. Eigentlich seit dem 27. Juli 2011, dem Tag, an dem ihr Sohn von der Polizei in seiner Wohnung verhaftet wurde. Nachmittags hat sie ihn noch betrunken am Ottoplatz sitzen sehen, „danach nie wieder“, sagt sie wenige Tage vor dem Prozess. Dann erzählt sie eine dieser Geschichten, in denen es immer noch schlimmer kommt. Ihr Sohn spielt darin die Hauptrolle. Die Frage ist nur: freiwillig oder unfreiwillig?

Geht es nach der Mutter, fällt die Antwort eindeutig aus. „Ich suche die Verantwortung bei mir, dass er so geworden ist“, sagt sie und klingt resigniert. Sie ist selbst auf fremde Hilfe angewiesen, um ihr Leben zu meistern, steht unter Betreuung. Warum hat sie den Vater des Jungen, einen trunksüchtigen Maurer, nicht verlassen, wenn er sowohl seinen kleinen Sohn als auch sie geschlagen hat? Sie kann diese Frage nicht beantworten. Und doch sieht sie in der Kindheit ihres Sohnes die Wurzel allen Übels.
Viereinhalb lange Jahre, dann stirbt der gewalttätige Vater. Doch die Abwärtsspirale dreht sich weiter. Ein neuer Mann, der ebenfalls prügelt, immer wieder Umzüge, der Junge schlägt seine Mitschüler, zuweilen bestiehlt er sie. Schulprobleme ohne Ende. Er wird als „verhaltensgestört“ eingestuft, hat so ziemlich alle Sonderschulen durch, gilt als Problemfall. Mit gerade mal 15 Jahren wird er zum ersten Mal Vater, doch die Beziehung zur Mutter seiner Tochter zerbricht, genauso wie die Hoffnung auf ein besseres Leben. Obwohl er seinen Hauptschulabschluss nachholt und sich zum Einzelhandelskaufmann ausbilden lässt, findet er keinen Weg ins Berufsleben. Was bleibt, sind Alkohol und Langeweile.
In dieser Zeit landet er wegen Diebstahls zum ersten Mal vor Gericht, ein paar Jahre später erneut, irgendwann kommen Einbrüche dazu. 2006 fällt er auf dem Hindenburgplatz bei der WM-Randale auf, nach dem deutschen Sieg gegen Polen gibt er den Einheizer. Mit 2,8 Promille steht er in einer Gruppe, die Gläser in die friedlich feiernde Menge wirft, skandiert „Polen, verpisst euch!“
Seine Mutter kennt diese Taten, und wenn sie trotz allem etwas Gutes über ihren Jungen sagen will, dann dass er ihr gegenüber immer zugab, wenn er Mist gebaut hatte. „Ich habe es ihm jedes Mal angesehen“, sagt sie. Ihr Lächeln wirkt verlegen, dann gequält, als sie nachschiebt: „Nur diesmal habe ich nichts gemerkt.“

Diesmal. Das ist die Zeit vom April bis zum Juni des vergangenen Jahres. In jenen Monaten vergeht sich der Arbeitslose zehnmal an seiner Tochter, manchmal sogar zweimal am Tag. Tat für Tat fotografiert er mit seinem Samsung-Handy, speichert die Bilder in einem Unterordner auf dem Telefon. Dass sein wenige Monate alter Sohn bei all dem auch in der Wohnung ist, scheint ihn nicht zu stören. Seine Frau ist nicht zu Hause, sie hat einen Aushilfsjob als Putzfrau angenommen. Arglos sei sie gewesen, sagt die 21-Jährige später dem Gericht, und dass sie ihren Mann eigentlich für einen liebevollen Vater hielt.
Wie sehr sie sich geirrt hat, kommt nur durch einen Zufall heraus. So lässt der 27-Jährige Mitte Juli aus Versehen sein Handy in der Nähe des Bahnhofs liegen, und ein Mann, der eigentlich Pfandflaschen sucht, sackt im Vorbeigehen das Mobiltelefon ein. Doch den unehrlichen Finder hat die Polizei wegen Betruges im Visier, und so stellen die Beamten bei ihm auch das Telefon sicher. Sie werten es aus – und stoßen auf die Bilder. Köpfe, Gesichter gar, sind darauf nicht zu erkennen. Doch auf einem prangt das Geburtsdatum des kleinen Mädchens. Damit ist es ein Leichtes für die Kripo-Leute, den Täter zu ermitteln. Leugnen ist zwecklos, das sieht der Mann ein.
Er bleibt auch vor Gericht dabei. Zumindest in diesem Punkt erfüllt er die Hoffnungen seiner Mutter: „Was er gemacht hat, ist unterste Schublade, er soll dazu stehen“, hat sie gesagt. Als der Prozess beginnt, sitzt sie mit übereinander geschlagenen Beinen, zusammengesunken da, legt die Hand vor ihren Mund. „Stimmt“, hört sie ihren Sohn sagen, als Staatsanwältin Julia Bauer die Anklage verlesen hat.
Richter Heckemüller bleibt damit nur noch die Suche nach den Gründen. Ob der Angeklagte sexuell unbefriedigt war? „Definitiv nicht.“ Ob er sich vorher schon mal Kindern nähern wollte? „Nie.“ Ob Alkohol eine Rolle spielte? „Nein.“ So geht das minutenlang. Dabei streitet der 27-Jährige auch ab, mit den Handy-Bildern irgendetwas vorgehabt zu haben. Nur ein, zwei Mal will er sie sich angeschaut haben. Erregt habe ihn das aber nicht. „An dem Tag, wo ich sie löschen wollte, ist das Handy dann ja auch verloren gegangen“, sagt er. Einige der Zuhörer im Saal schütteln da längst ungläubig den Kopf.
Doch der Vorsitzende Richter muss noch weiter bohren. „Wie hat Ihre Tochter reagiert?“, fragt Heckemüller jetzt, und der Angeklagte sagt: „Eigentlich gar nicht, sie hat es mit sich machen lassen.“ Mehr als „Mama“ oder „Papa“ konnte das Kind damals aber ohnehin nicht sagen, weshalb der Hildesheimer ergänzt: „Ja gut, in sie hineinschauen konnte ich natürlich nicht.“
Das kann auch die Mutter der Kleinen nicht. Immerhin schildert sie dem Gericht den Eindruck, das Mädchen sei inzwischen fröhlicher. In der ersten Zeit, gleich nach der Verhaftung, habe die Tochter bei jedem Klingeln der Wohnungstür nach ihrem Vater gefragt. „Papa ist arbeiten!“, habe sie entgegnet und alle Bilder ihres Mannes aus den Räumen entfernt. Sie meidet den Blick auf den Täter, schaut zu Boden, als er im Gerichtssaal an ihr vorbeigeht. Die Scheidung läuft, es gibt keine Versöhnung.
Auch der Angeklagte hat das offenbar begriffen. „Ich möchte sobald wie möglich aus der Region wegziehen, um meiner Frau und meinen Kindern die Angst zu nehmen“, sagt er in seinem letzten Wort, und : „Ich möchte mich nochmal ausdrücklich dafür entschuldigen.“ Mag sein, dass er in diesem Augenblick noch an die zwei Jahre auf Bewährung glaubt, die sein Verteidiger gerade eben gefordert hat. Doch da war auch das Plädoyer der Staatsanwältin Bauer, die noch einmal auf das Alter des Opfers hingewiesen („ein Baby, das noch Windeln trug“) und dreieinhalb Jahre Haft verlangt hat.
Als er gut 20 Minuten später feststellt, dass das Gericht der Anklägerin folgt, beginnt der 27-Jährige zu weinen. Es ist die erste Erschütterung, die er heute zeigt. Er verbirgt sein Gesicht bei der Urteilsverkündung in den Händen, schüttelt wieder und wieder den Kopf, so als könne er alles nicht fassen. Dem Richter entgeht das nicht. „Man steht genauso fassungslos da, wenn man hört, was Sie getan haben“, sagt Heckemüller. In seiner langen Laufbahn habe er noch mit keinem derart jungen Opfer zu tun gehabt, um so gravierender sei die Tat. Wenn der Angeklagte sich aber ernsthaft der dringend nötigen Therapie unterziehen wolle, sei noch viel zu tun. „Öffnen Sie sich!“, appelliert Heckemüller an den Mann, der jetzt nur noch stumm auf die Tischplatte schaut.
Minuten später, die Justizwachtmeister haben den Verurteilten längst abgeführt, steht die Mutter des 27-Jährigen noch weinend auf dem Gerichtsflur. Sie heult nicht wegen der Haftstrafe, sagt sie, vielleicht ist es nur die Anspannung, die sich gerade gelöst hat. Warum alles passiert ist, weiß sie noch immer nicht. Doch ihr ist klar, dass sie ihren Sohn nicht aufgeben wird, selbst wenn sie deshalb ihre Enkelkinder nicht wieder sieht. „Dafür haben wir zu viel zusammen durchgemacht“, sagt sie zaghaft.
Es ist eine zerrissene Frau, die da mit ihrer Betreuerin und ihrer Tochter langsam zum Ausgang geht. Eine, die nicht einmal weiß, ob Sie ihrem Sohn die Tat irgendwann verzeihen kann. Sie wird ihm weiter Briefe schreiben, nach dem Warum fragen, so wie bisher.
Ob sie ihn irgendwann auch besucht und mit ihm spricht? Wieder wandert der Blick der Mutter ins Leere. „Ich weiß nicht. Der Kopf sagt ja. Aber mein Bauch sagt nein.“
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Wird es „wirklich immer schlimmer“? Die Zahlen aus der Polizeistatistik der vergangenen zehn Jahre zeigen, dass beim sexuellen Missbrauch kein genereller Anstieg zu verzeichnen ist. Aber es gibt deutliche Ausschläge: Zum einen, weil Exhibitionismus neben Missbrauch und schwerem Missbrauch in die Summe einfließt, 2010 zum Beispiel mit 15 Fällen. Zum anderen spiegeln die Zahlen nicht immer aktuelle Entwicklungen: Oft zeigen erwachsene Frauen an, was ihnen im Kindesalter angetan wurde, der Anteil macht mitunter bis zu 13 Fälle aus.
Der Deliktbereich Kinderpornografie umfasst das Herstellen, Besitzen und Verbreiten von solchem Material. Zu einem sprunghaften Anstieg der Fälle kommt es, wenn zum Beispiel Kinderporno-Ringe ausgehoben werden.

Pädophilie – ein Leben lang
Udo Eesmann ist Chefarzt des Klinikums für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie im Ameos-Klinikum Hildesheim. Im Maßregelvollzug behandeln Eesmann und seine Kollegen derzeit 24 Sexualstraftäter – die Mehrzahl davon sind Pädophile.
HAZ: Herr Eesmann, welche Chancen haben Sie, durch Therapie erneute Taten von Pädophilen zu verhindern?
Eesmann: Bei pädophilen Straftätern gibt es eine Rückfallhäufigkeit von 20 bis 36 Prozent. Durch Therapie lässt sich das noch mal um die Hälfte senken.
Grundsätzlich ändern können Sie die sexuellen Vorlieben aber nicht?
Das stimmt größtenteils. Bei der sogenannten Kernpädophilie sprechen wir von einer fixierten sexuellen Orientierung. Es ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie, dass Patienten das verstehen.
Inwiefern?
Sie müssen begreifen, dass das ein Merkmal ist, das sie ein Leben lang begleitet. Sie werden ihre Sexualpräferenz nie legal ausleben können.
Wenn Sie einen Sexualstraftäter vor sich haben – wo mit beginnen Sie?
Wir fangen mit Einzeltherapie an, dazu kommt nach acht bis zwölf Monaten die Gruppenpsychotherapie. Zunächst mal lernt man sich kennen, es geht um Aufklärung, der Patient muss bereit sein, über das zu sprechen, was ihn sexuell anspricht, was ihn erregt. Danach widmen wir uns kognitiven Verzerrungen.
Verzerrungen?
Es gibt etwa Pädophile, die ein partnerschaftliches Verhalten anstreben, die sagen, bei ihnen erfahre das Kind die Zuwendung, die ihm fehle. Sie sehen sich nicht als Täter – und blenden aus, was sie den Kindern antun. Erst wenn das klar ist, kann man sich dem Delikt widmen.
Wie gehen Sie als Arzt mit dem um, was Sie da hören?
Manchmal fragen Patienten, ob ich sie verabscheuenswert finde. Denen sage ich: Ich akzeptiere Sie als Person, aber das heißt nicht, dass ich akzeptiere, was Sie getan haben.
Wie lernen die Patienten, ihre Neigungen zu beherrschen?
Indem sie Risikosituationen identifizieren und vermeiden: Allein sein mit einen Kind, am Spielplatz vorbeigehen. Aber es gibt auch andere Faktoren: Kränkung, Einsamkeit, die enthemmende Wirkung von Alkohol, der Konsum von Pornografie. Hier setzen wir auch an, wenn wir andere Interessen bei den Patienten ausbilden – Sport zum Beispiel.
Welche Rolle spielt das Sich-Hineinfühlen in das Opfer?
Eine wichtige. Ich glaube nicht, dass es ohne Opfer-Empathie eine günstige Prognose für ein Leben in Freiheit geben kann. Aber es ist schwierig zu unterscheiden: Was präsentieren uns die Patienten nur – und was ist echt?
Wie können Sie vor diesem Hintergrund bei der Entlassung sicher sein?
Man kann als Gutachter immer nur eine Wahrscheinlichkeit angeben. Was wir kennen, sind die Variablen zum Entlassungszeitpunkt. Um so wichtiger ist die Nachsorge – zum Beispiel durch Bewährungshelfer und die ambulante psychiatrische Nachsorge.
Interview: Christian Wolters