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Wird es „wirklich immer schlimmer“? Die Zahlen aus der Polizeistatistik der vergangenen zehn Jahre zeigen, dass beim sexuellen Missbrauch kein genereller Anstieg zu verzeichnen ist. Aber es gibt deutliche Ausschläge: Zum einen, weil Exhibitionismus neben Missbrauch und schwerem Missbrauch in die Summe einfließt, 2010 zum Beispiel mit 15 Fällen. Zum anderen spiegeln die Zahlen nicht immer aktuelle Entwicklungen: Oft zeigen erwachsene Frauen an, was ihnen im Kindesalter angetan wurde, der Anteil macht mitunter bis zu 13 Fälle aus.

Der Deliktbereich Kinderpornografie umfasst das Herstellen, Besitzen und Verbreiten von solchem Material. Zu einem sprunghaften Anstieg der Fälle kommt es, wenn zum Beispiel Kinderporno-Ringe ausgehoben werden.

Interview

Pädophilie – ein Leben lang

Udo Eesmann ist Chefarzt des Klinikums für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie im Ameos-Klinikum Hildesheim. Im Maßregelvollzug behandeln Eesmann und seine Kollegen derzeit 24 Sexualstraftäter – die Mehrzahl davon sind Pädophile.

HAZ: Herr Eesmann, welche Chancen haben Sie, durch Therapie erneute Taten von Pädophilen zu verhindern?

Eesmann: Bei pädophilen Straftätern gibt es eine Rückfallhäufigkeit von 20 bis 36 Prozent. Durch Therapie lässt sich das noch mal um die Hälfte senken.

Grundsätzlich ändern können Sie die sexuellen Vorlieben aber nicht?

Das stimmt größtenteils. Bei der sogenannten Kernpädophilie sprechen wir von einer fixierten sexuellen Orientierung. Es ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie, dass Patienten das verstehen.

Inwiefern?

Sie müssen begreifen, dass das ein Merkmal ist, das sie ein Leben lang begleitet. Sie werden ihre Sexualpräferenz nie legal ausleben können.

Wenn Sie einen Sexualstraftäter vor sich haben – wo mit beginnen Sie?

Wir fangen mit Einzeltherapie an, dazu kommt nach acht bis zwölf Monaten die Gruppenpsychotherapie. Zunächst mal lernt man sich kennen, es geht um Aufklärung, der Patient muss bereit sein, über das zu sprechen, was ihn sexuell anspricht, was ihn erregt. Danach widmen wir uns kognitiven Verzerrungen.

Verzerrungen?

Es gibt etwa Pädophile, die ein partnerschaftliches Verhalten anstreben, die sagen, bei ihnen erfahre das Kind die Zuwendung, die ihm fehle. Sie sehen sich nicht als Täter – und blenden aus, was sie den Kindern antun. Erst wenn das klar ist, kann man sich dem Delikt widmen.

Wie gehen Sie als Arzt mit dem um, was Sie da hören?


Manchmal fragen Patienten, ob ich sie verabscheuenswert finde. Denen sage ich: Ich akzeptiere Sie als Person, aber das heißt nicht, dass ich akzeptiere, was Sie getan haben.

Wie lernen die Patienten, ihre Neigungen zu beherrschen?

Indem sie Risikosituationen identifizieren und vermeiden: Allein sein mit einen Kind, am Spielplatz vorbeigehen. Aber es gibt auch andere Faktoren: Kränkung, Einsamkeit, die enthemmende Wirkung von Alkohol, der Konsum von Pornografie. Hier setzen wir auch an, wenn wir andere Interessen bei den Patienten ausbilden – Sport zum Beispiel.

Welche Rolle spielt das Sich-Hineinfühlen in das Opfer?


Eine wichtige. Ich glaube nicht, dass es ohne Opfer-Empathie eine günstige Prognose für ein Leben in Freiheit geben kann. Aber es ist schwierig zu unterscheiden: Was präsentieren uns die Patienten nur – und was ist echt?

Wie können Sie vor diesem Hintergrund bei der Entlassung sicher sein?

Man kann als Gutachter immer nur eine Wahrscheinlichkeit angeben. Was wir kennen, sind die Variablen zum Entlassungszeitpunkt. Um so wichtiger ist die Nachsorge – zum Beispiel durch Bewährungshelfer und die ambulante psychiatrische Nachsorge.

Interview: Christian Wolters


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