So schnell kann’s kommen: Eiskalt hat uns der Winter mit Temperaturen wie in der Gefriertruhe erwischt. Vor der Kälte gibt es kein Entrinnen. Das spüren Binnenschiffer, Hausbesitzer, Autofahrer und selbst die Arbeiter auf dem Friedhof.
Text: Peter Rütters, Fotos: Andreas Hartmann

Er hatte schon an der Bolzumer Schleuse so eine Vorahnung: Als Kapitän Dieter Kröpcke sein Frachtschiff am vergangenen Sonnabend durch die schmale Fahrrinne des Stichkanals manövriert, geht ihm ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf: Wird die „Diamant II“ ihr Ziel Hildesheim erreichen? Zwar kommt Kröpcke tatsächlich mit seinem 80 Meter langen Kahn im Hafen an. Doch so schnell wie sonst kann er den Anlegerplatz nicht wieder verlassen: „Das war’s dann erstmal“, sagt er zu seinem Matrosen Miroslav Franic beim Anblick der immer dicker werdenden Eisschicht. Einen Tag später ist der Kanal komplett zugefroren. Die „Diamant II“ sitzt fest.
Dass dieser Winter so schnell und so erbarmungslos zuschlagen würde, kam für den 59-jährigen Binnenschiffer allerdings völlig überraschend. Sicher, es war kalt, als er im holländischen Groningen das Schiff mit 1042 Tonnen Magnesit für die Schamottstein-Produktion beladen ließ: „Aber mit solch extremen Temperaturen habe ich wirklich nicht gerechnet“, sagt der erfahrene Kapitän, der schon seit 1968 auf den europäischen Wasserstraßen zu Hause ist. Selbst wenn die Temperaturen demnächst wieder steigen sollten, hat er sich auf einen längeren Zwangsstopp in Hildesheim eingestellt, weil umhertreibende Eisschollen die Schiffsschraube beschädigen können.
Kapitän und Matrose nutzen die Zeit zum Aufräumen, denn auf der „Diamant II“ gibt es immer etwas zu tun. Kröpcke und Franic können es ruhig angehen lassen, während in anderen Branchen rund um die Uhr gearbeitet wird. Besonders die Notdienste haben Hochkonjunktur. Sie können sich in diesen Tagen vor Anrufen kaum retten.
Frostmelder schlägt Alarm

Der Frost schlägt selbst dort zu, wo es auch an kalten Tagen fast tropisch warm ist. Zum Beispiel im Hallenbad Drispenstedt. Dort wirft Dieter Engelke Anfang der Woche einen Blick auf das Protokoll, das der Drucker im Heizungskeller soeben ausgeworfen hat. Ein Wert sticht dem Vorsitzenden zur Förderung des Schwimmsports sofort ins Auge: Nur 24,9 Grad Celsius Lufttemperatur. „Da stimmt was nicht“, denkt sich Engelke. Schließlich ist er stolz darauf, seinen Gästen das wärmste Badewasser in ganz Hildesheim anbieten zu können. Noch bevor die ersten Kinder zum Schwimmunterricht kommen, informiert er die Firma Ehlert-Haustechnik über das verdächtige Messergebnis.
Kurze Zeit später fährt Monteur Nils Buschbaum vor. Weil er die Anlage schon seit Jahren wartet, kennt er die Technik aus dem Effeff, ahnt, wo der Fehler liegen könnte. Buschbaum marschiert schnurstracks zum „Heizregister“, in dem die Außenluft erwärmt wird. Schnell ist für den Monteur klar: Der eingebaute Frostwächter zum Schutz der Anlage hat die Außenluftklappe verriegelt. Nach zwei Stunden ist der Schaden behoben, und Dieter Engelke atmet auf: „Sonst hätten wir das Bad heute schließen müssen.“
Verhängnisvoller Spartrend

Es sind Kunden wie Engelke, die die zwölf Monteure von Firmenchef Mirko Rudzka auf Trab halten. Das Team ist über das Notdiensttelefon rund um die Uhr erreichbar, im Moment jagt wie bei vielen anderen Installationsbetrieben ein Auftrag den nächsten. Geplatzte Wasserrohre und ausgefallene Heizungen sind an der Tagesordnung. Schäden, die eigentlich vermeidbar wären. Doch seitdem die Energiekosten immer neue Höhen erreichen, hat Rudzka einen gefährlichen Trend zum Sparen ausgemacht: Hausbesitzer verzichten darauf, alle Zimmer zu heizen oder stellen nachts die Heizung ab: „Energiesparen ist zwar sinnvoll und richtig, darf aber nicht zu Schäden am Gebäude führen“, sagt der 44-jährige Techniker.
Er rät dringend dazu, die Wohnräume auf mindestens 17 Grad Celsius zu erwärmen und die Heizung durchlaufen zu lassen, da sich das Haus sonst nach dem Wiederanfahren der Anlage nur sehr langsam erwärmt. Auch ein Blick in den Keller kann nicht schaden. Wer die Fenster der Waschküche im Winter auflässt, riskiert geplatzte Wasserrohre. Sein Tipp, um ohne Ärger durch den Winter zu kommen: Die Heizung rechtzeitig warten lassen.
Sollte trotz aller Vorsichtsmaßnahmen doch einmal ein Rohr zufrieren, rät Rudzka von der Do-it-yourself-Methode mit dem Bunsenbrenner ab, weil dadurch die Lötstellen platzen können. Fachbetriebe verfügen hingegen über Auftaugeräte, die die Rohre mit Strom erwärmen. Und sie haben eine sogenannte Rohrbegleitheizung im Angebot, die frostgefährdete Bereiche wie eine Wärmflasche ummanteln.

Tote Batterien

So eine zusätzliche Heizung würden sich in diesen Tagen auch etliche Autofahrer wünschen, die auf der Fahrt zur Arbeit liegen geblieben sind. Besonders betroffen sind Diesel-Fahrzeuge. Zwar bieten die Tankstellen sogenannten „Winter-Diesel“ an, der durch die Beimischung von Additiven bis minus 25 Grad Celsius frostsicher sein soll. Nach Informationen des Automobilclubs von Deutschland (AvD) machen einige Sorten aber schon bei minus 18 Grad schlapp. Die Folge: Der Kraftstoff flockt auf und setzt den Filter zu, wodurch dem Motor im wahrsten Sinn des Wortes der Saft ausgeht. Der AvD empfiehlt daher, öfters nachzutanken und nachts möglichst windgeschützt zu parken.
Eine weitere Schwachstelle sieht Serviceleiter Bernd Sagawe vom Hildesheimer Autohaus Dost in altersmüden Autobatterien, die jetzt reihenweise ihren Geist aufgeben. Entsprechend hoch ist die Nachfrage nach Ersatz: „An einem einzigen Tag haben wir 25 Batterien verkauft“, sagt der 43-jährige, während bei ihm dauernd das Telefon klingelt. Besonders nach den frostigen Nächten wie in dieser Woche springen die Autos morgens nicht an. Zwar rücken die Service-Techniker dann so schnell wie möglich aus, um die Wagen wieder flott zu kriegen. Doch das klappt im Winter 2012 nicht so schnell wie gewohnt: „Normalerweise sind wir innerhalb von 30 Minuten beim Kunden. Jetzt kann es teilweise Wartezeiten von zwei bis drei Stunden geben“, sagt Sagawe.
Vermummte Männer

Auch auf Hildesheims größter Baustelle hat der Frost Spuren hinterlassen. Zumindest in den Gesichtern von Sven Zager und Norman Falk, die für die Sicherheitsfirma SGB-Objektschutz den Zutritt zur Arneken-Galerie überwachen. Die Männer stehen dick vermummt vor ihrem Büro in der Arnekenstraße, lassen sich von den Anlieferern die Papiere zeigen. Mit einem heißen Kaffee halten sich die beiden warm. Sie haben den kältesten Arbeitsplatz aller 300 Bauarbeiter im künftigen Einkaufszentrum. Denn längst hat der Innenausbau in der Galerie begonnen. Mehrere Gas-Brenner pumpen pausenlos warme Luft durch die blauen Schläuche, die wie die Tentakel einer Riesenkrake direkt ins Gebäude führen. Dort zeigt das Thermometer 15 Grad an. Eine Temperatur, die genau nach dem Geschmack der Ladenbauer ist, denn zum Fliesenkleben, Spachteln und Verfugen brauchen die Handwerker Temperaturen über 5 Grad. Deshalb ist der technische Projektleiter Axel Möser sicher, dass die Galerie pünktlich am 29. März eröffnet.
Nur die Arbeiten an den Außenanlagen hat der Winter vorerst gestoppt. Um der Kälte zu trotzen, wurden das Gehwegpflaster bis vor kurzem noch unter dem Schutz von Partyzelten verlegt. Als der Dauerfrost immer heftiger wurde, ließ sich der Boden aber nicht mehr richtig auskoffern. In zwei bis drei Wochen soll es auch dort wieder weitergehen: „Wir haben ja noch Glück, dass der Winter so spät kam und sind deshalb auch halbwegs entspannt“, sagt Möser.

Knüppelharter Boden
Wie tief das Erdreich mittlerweile gefroren ist, bekommen Waldemar Eckharth und Michael Illemann auf dem Nordfriedhof zu spüren. Normalerweise heben die beiden Mitarbeiter des Garten- und Friedhofsamtes ein 1,60 Meter tiefes Grab für die Erdbestattung mit dem Bagger aus. Doch damit ist es jetzt vorbei: „Der Boden ist hart wie Beton, da kommst du mit der Schaufel nicht mehr rein“, sagt Illemann und greift zum Presslufthammer. Kurz darauf heult der Generator auf, das Dröhnen der Maschine zerschneidet die Ruhe auf dem Friedhof. Zentimeter um Zentimeter frisst sich der Meißel durch den tiefgefrorenen Boden. Erst nach 30 Zentimetern lässt der Widerstand nach.
Die Frostgrenze ist erreicht. Illemann verschnauft einen Augenblick, während Baggerfahrer Eckharth die aufgebrochenen Schollen auflädt. Nach einer halben Stunde ist die oberste Schicht auf einer Länge von 2,20 Meter freigelegt. Illemann legt das schwere Gerät zur Seite, wischt sich mit der Hand den Schweiß von der Stirn. Selbst im unterkühlten Hildesheim kann man noch ins Schwitzen kommen.
Erst recht, wenn schon der nächste Einsatz am Südfriedhof wartet. Auf dem freiliegenden Gelände am Stadtrand ist der Boden sogar 60 Zentimeter tief gefroren.

Kälte und Frost haben auch ihre positiven Seiten... Eisvergnügen auf dem Hohnsen. ..Zur Galerie
Der strenge Winter hat bei der EVI trotz gestiegener Nachfrage noch zu keinen Engpässen bei der Versorgung mit Strom, Fernwärme, Wasser und Erdgas geführt.„Unser Erdgasspeicher ist gut gefüllt“, sagt der kaufmännische Geschäftsführer Michael Bosse-Arbogast. Stündlich fließen rund 40 000 Kubikmeter in das Hildesheimer Netz. Bei normalen Wintern liegt diese Menge bei bis zu 33 000 Kubikmeter pro Stunde.
In der Leitstelle am Römerring wird die Wetterlage genauestens studiert. So arbeiten die Experten der EVI täglich einen „Fahrplan“ für den Erdgasbedarf des folgenden Tages aus. Trotz des außergewöhnlich hohen Verbrauchs ist die Versorgungssicherheit nach den Worten Bosse-Arbogasts gewährleistet. Das gelte auch für das Stromnetz, da die meisten Leitungen unterirdisch verlegt sind. Auch der Betrieb des neuen Holzhackschnitzelheizkraftwerks auf dem Gelände der Stadtwerke wird durch den strengen Winter nicht beeinträchtigt. „Der Begriff Feuertaufe passt zwar bei diesen Temperaturen nicht ganz, aber man kann sagen, dass dieser harte Winter schon eine Bewährungsprobe für das Kraftwerk ist“, sagt EVI-Bereichsleiter Uwe Auerswald. Selbst bei noch niedrigeren Temperaturen könne das Kraftwerk ohne Probleme Fernwärme und Strom erzeugen.
Der starke Frost hat mittlerweile Auswirkungen auf die Trinkwasserversor-gung der Purena, die in Teilen des Landkreises das Trinkwassernetz betreibt. So mussten die Monteure des Unternehmens allein am Dienstag zu mehr als 100 Einsätzen ausrücken, um Rohrbrüche zu beseitigen oder eingefrorene Hausanschlüsse und Wasserzähler aufzutauen. Die Purena appelliert an alle Hauseigentümer, die Leitungen vor dem Einfrieren zu schützen.
Denn ansonsten kann es teuer werden. So zahlten die Wohngebäude- und Hausratversicherer allein in den Wintern 2009 und 2010 für Frostschäden jeweils bis zu einer halben Milliarde Euro. Deshalb verlangt die Branche, auch in nicht ständig genutzten Wohnungen oder Häusern zu heizen oder außen liegende Wasserleitungen abzusperren. „Stellen die Versicherungen Gleichgültigkeit und Untätigkeit des Hauseigentümers fest, können sie die Zahlung mindern“, sagt Michael Erdmann als Sprecher des Bezirks Hildesheim im Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute.

Im Hochhaus in der Orleansstraße ist ein Heizungsrohr geplatzt. Hausmeister Martin Kisielak sieht sich den Schaden im Keller an.

Monteur Nils Buschbaum hat den Fehler im Drispenstedter Hallenbad entdeckt. Nach zwei Stunden ist die Reparatur im Heizungskeller beendet.

Eis so weit das Auge reicht: Kapitän Dieter Kröpcke weiß nicht, wie lange er noch im Hildesheimer Hafen festsitzt.