Marcus Lange hält durch. Mag die Konkurrenz der Supermärkte und Discounter noch so viele kleine Läden hinweggefegt haben. Der Adenser kämpft mit seinem Dorf-Shop weiter. An sieben Tagen in der Woche. Und mit ganzem Herzen.
Text: Peter Rütters, Fotos: Chris Gossmann

Hier piepen keine Kassenterminals. Hier scheppern auch keine Einkaufswagen, nie dudelt seichte Hintergrundmusik vom Band. Nur das sphärische Tiling, Tiling des Windspiels über der Eingangstür empfängt Marcus Langes Kunden. Jeden Morgen schlagen die Metallstäbchen aneinander, und sie pendeln nur selten aus. Denn in seinem kleinen Laden hat der Adenser alles, was ein Mensch zum Leben braucht. Den Kitt, der das Dorf zusammenhält, gibt’s kostenlos dazu.
Es ist 6.30 Uhr in der Früh. Ein eisiger Wind weht durch die Straßen. Keine gute Zeit, um das Haus zu verlassen, wäre da nicht der Appetit auf Brötchen und die morgendliche Zeitungslektüre. Schon von weitem erstrahlt das weißgetünchte Gebäude im Scheinwerferlicht, drinnen tauchen die Lampen den Verkaufsraum in „Lange’s Dorfladen“ in ein warmes Gelb.
Der Duft von frischgebackenem Brot liegt in der Luft, als Marcus Lange die Laiber nebeneinander ins Regal legt. Kraftkorn, Gerster, Roggen, Krusten- und Toastbrot – für jeden Geschmack ist etwas dabei. Die Adenser lieben die Abwechslung.
Tiling, Tiling. Das Windspiel am Eingang kündigt den nächsten Kunden an, aber eigentlich braucht der Mann hinter der Ladentheke diese akustische Hilfe gar nicht, weil sich die Leute im wahrsten Sinn die Klinke in die Hand geben.

Eine von ihnen ist Steffi Hartje. Die Frau im dunkelblauen Parka möchte ein Roggenbrot. Und sie hat noch einen Wunsch, den es im Dorfladen umsonst gibt: „Kannst du das bitte mal aufhängen, Marcus?“, fragt sie den Mann an der Kasse und hält ihm ein Plakat unter die Nase. Ende Januar lädt der Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr Rössing zum großen Jahreskonzert in die Alfred-Stubenrauch-Halle ein. Da sind Gäste aus der Umgebung höchst willkommen. Natürlich hängt Lange das Poster auf, denn sein Geschäft ist mehr als ein Einkaufsladen. Es ist auch die Kommunikationszentrale im 1200 Einwohner zählenden Doppeldorf Adensen-Hallerburg.
Als im vergangenen Jahr die Grundschule auf der Kippe stand, trugen sich die Bewohner gleich reihenweise in die Unterschriftenlisten ein, die er auf dem Tresen ausgelegt hatte: „Wenn die Schule erst mal weg ist, geht es mit uns abwärts“, sagt Elke Michalak und verlangt ein halbes Gersterbrot. Die 61-Jährige ist damals selbst von Haus zu Haus gezogen, hat mehr als 500 Unterschriften für den Erhalt der Zwergschule gesammelt. Ohne die, da ist sie ganz sicher, wäre es auch für den Dorfladen eng geworden.
Dabei fehlte nicht viel und die Adenser hätten in der Tat keine Einkaufsmöglichkeit mehr vor der Haustür gehabt. Als Bäcker Schiele Ende der 90er Jahre in Rente ging, sollte das letzte von einst vier Geschäften für immer geschlossen werden. „Bevor es gar nichts mehr gibt, mach’ ich es eben“, sagte sich Lange, der wegen einer Mehlstaub-allergie nicht mehr in seinem erlernten Beruf als Bäcker arbeiten konnte.

Eines war dem zweifachen Familienvater von Anfang an klar: Mit Brot und Brötchen allein kommt er auf keinen grünen Zweig. Deshalb gibt es auf der 160 Quadratmeter großen Verkaufsfläche alles, was man so zum Leben braucht: Obst und Gemüse, Kaffee, Milch, Konserven, Getränke, Milch und Joghurt.
Weil die Kunden verstärkt regionale Produkte auf dem Tisch haben wollen, erfüllt der Mann mit dem stets freundlichen Lächeln auch diesen Wunsch: Das Sauerfleisch kommt aus Diekholzen, die Bratwurst aus Eberholzen.
Langes Dorfladen ist aber nicht nur ein Lebensmittelgeschäft, sondern zugleich auch Lotto-Bude, Reinigungsannahme, Hermes-Versand-Shop und sogar Buchladen. Was es nicht gibt, wird bestellt.Obendrein gehört zum Geschäft auch noch ein Getränke-Lieferservice. Da ist Muskelkraft gefragt: Marcus Lange bockt eine Palette mit fünf Kisten Cola, drei Fässern Bier und einer Zapfanlage auf. Am Wochenende soll im Dorf eine Party steigen. Die Getränke dazu liefert der Allrounder Lange.
Müssen denn die Kunden dafür nicht tief in die Tasche greifen? Der Mann im grauen Fleece-Pullover und der grünen Thermoweste schüttelt den Kopf: „Alle denken, so ein Laden ist teuer. Aber das stimmt nicht“, sagt Lange. Die Kiste Cola kostet bei ihm keine zehn Euro, Krombacher Bier geht für 12,50 Euro über den Tresen. Dafür ist das Stück Butter 20 Cent teurer als im Discounter: „Aber dafür fährt keiner zehn Kilometer mit dem Auto“, sagt Lange.

Deshalb kommen nicht nur die Menschen aus Adensen-Hallerburg zu ihm, sondern auch Kunden aus den Nachbardörfern Alferde und Boitzum, wo es keinen Laden, geschweige denn einen Supermarkt gibt.
Wer erfolgreich gegen die Konkurrenz ankämpfen will, muss früh aufstehen. Schon morgens um 6 Uhr schließt Lange seinen Laden auf, wenn der Bäcker aus Deinsen Brötchen, Brot und Kuchen liefert. Mittags fährt er zum Großmarkt, dann übernimmt Ehefrau Sonja das Geschäft. Am Wochenende arbeiten die Aushilfskräfte Larissa Brouwer und Anna Dürre mit, weil es sonnabends besonders hoch hergeht: „Die Adenser stehen alle zur gleichen Zeit auf“, sagt die 18-jährige Larissa, die sich vor ihrem Abitur noch etwas Taschengeld dazuverdient. Zwischen 8 und 10 Uhr stehen die Kunden Schlange, das Windspiel an der Eingangstür komponiert eine ganz eigenwillige Melodie: Tiling, Tiling. Der Laden brummt. Auch am Sonntag muss niemand auf seine Brötchen verzichten.
Doch Marcus Lange hat auch schon andere Zeiten erlebt. Als die Baufahrzeuge vor drei Jahren anrückten, um die Adenoyser Straße zu erneuern, gab es eine lange Durststrecke. 18 Monate dauerte die Sanierung, der Laden war damals nur zu Fuß über den Hintereingang zu erreichen. Die Umsätze rutschten in den Keller, Geld für Lockangebote während der Bauphase hatte Lange nicht: „Auch noch Sonderaktionen? Dann hätte ich gleich zu machen müssen.“

Was ein Jammer gewesen wäre. Daran hat Peter Mislisch nicht den Hauch eines Zweifels. Der Vorsitzende des VfL Adensen-Hallerburg ist im Trainingsanzug in den Laden gekommen, um ein paar Frühstücksbrötchen mitzunehmen. Der 60-Jährige macht kein Hehl daraus, dass er den Großeinkauf für die Familie im Supermarkt erledigt: „Aber auch hier kriegt man 'ne ganze Menge“, meint Mislisch. Und besonders Sachen, die nichts kosten, wie die Plauderei mit Marcus Lange. An diesem Morgen spricht der Chef des Sportvereins in eigener Sache. Schon im vergangenen Jahr hatte er ankündigt, das Amt nach 14 Jahren Vorstandsarbeit in jüngere Hände legen zu wollen. Weil sich kein Nachfolger fand, hat er noch ein Jahr drangehängt. Aber bei der Hauptversammlung am 24. Februar ist endgültig Schluss. Sollte sich keiner der 293 Mitglieder zur Wahl stellen, müsste der Verein abgemeldet werden. Deshalb haben sie auch Marcus Lange gefragt, ob er denn nicht vielleicht...
Aber das wäre dann doch etwas des Guten zu viel. Sieben Tage in der Woche im Dorfladen stehen und dann noch die Arbeit an der Spitze eines Sportvereins? Da muss selbst ein so tüchtiger Mann wie Lange abwinken. Er schafft es gerade, einmal im Jahr für sieben Tage mit seiner Familie in den Urlaub zu fahren. Im Sommer wollen sich die Langes nach der Geburt des dritten Kindes einen Traum erfüllen und sogar einmal für zwei Wochen nach Dänemark fahren.
In dieser Zeit müssen die Adenser wohl oder übel ihre Brötchen und die anderen Lebensmittel woanders einkaufen. Vor allem aber dürfte ihnen der kleine Plausch an der Ladentheke fehlen. Denn das Gespräch von Mensch zu Mensch ist für Marcus Lange das eigentliche Erfolgsrezept des Dorfladens. Nur so konnte er im gnadenlosen Konkurrenzkampf auf dem deutschen Lebensmittelmarkt überleben: „Man muss es mit Herz machen und zuhören können. Das ist bei Aldi und Co. nicht möglich. “

„Im schlimmsten Fall wäre das Geld weg gewesen“
So ein Geschäft wie in Adensen wünschen sich viele Menschen auf dem Land. Zum Beispiel in Rössing, wo demnächst der Dorfladen schließt. Dort könnte das Genossenschaftsmodell weiterhelfen. Die 520 Einwohner im niedersächsischen Otersen (Landkreis Verden) haben den Schritt gewagt. Die HAZ sprach mit dem Vorsitzenden des Dorfladen-Vereins Günter Lühning.
HAZ: Herr Lühning, Ihren genossenschaftlichen Dorfladen in Otersen gibt es nun schon seit mehr als zehn Jahren. Wie haben Sie im harten Wettbewerb der Lebensmittelbranche überlebt?
Günter Lühning: Wichtig ist, dass die Bürger hinter dem Konzept stehen und auch bei uns einkaufen. Die Lebensmittelkonzerne behaupten, dass man für einen Dorfladen mindestens 1000 Einwohner braucht. Wir haben bewiesen, dass es auch mit 500 geht. Das Sortiment muss natürlich passen, deshalb ist es wichtig, das Ohr am Kunden zu haben. Bei uns werden Bioprodukte stark nachgefragt. Darauf haben wir reagiert.
Wie fing alles an?
Wir hatten früher drei kleinere Läden im Ort. Als der letzte schließen wollte, haben wir die Sache selbst in die Hand genommen. Ganz nach dem Motto „Eigeninitiative statt Unterversorgung“.
Was mussten die Bürger finanziell mitbringen?
Um den Laden auf Vordermann zu bringen, brauchten wir damals 150 000 D-Mark. Weil wir die Einwohner mit mehreren Informationsveranstaltungen von Anfang an mitgenommen haben, konnten wir Anteilsscheine für 103 000 Mark ausgeben. Das war unser Startkapital. Hinzu kamen 50 000 Mark an Gemeinde-, Landes- und EU-Mittel.
Die Bürger sind also ein finanzielles Risiko eingegangen.
Ja, denn im schlimmsten Fall wäre das Geld weg gewesen. Aber wir haben keine Rendite versprochen. In der Anfangszeit gab es Verluste, die am Anteilswert knabberten. Das ist so wie bei Aktien auch.
Müssen die Bürger selber hinter der Ladentheke stehen, also auch Zeit investieren?
Nein. Wir haben fest angestelltes Personal. Das sind fünf Frauen. Drei von ihnen haben sozialversicherungspflichtige Jobs, die anderen beiden arbeiten auf 400 Euro-Basis.
Wie sieht das Sortiment aus? Was gibt es? Und was gibt es nicht?
Wir haben nicht 24 Sorten Joghurt, sondern nur 10. Das, was wir nicht haben, brauchen die Leute auch nicht. Insgesamt umfasst unser Sortiment 2000 verschiedene Artikel. Dazu eine Billigmarke, um mit den Discountern mitzuhalten.
Dorfläden haben das Image, teuer zu sein. Stimmt das?
Das ARD-Magazin Plusminus hat einen fiktiven Warenkorb zusammengestellt und anschließend mit Dorfläden und Discountern verglichen. Acht Geschäfte wurden untersucht, wir landeten auf Platz drei. Leider haben wir nicht die finanziellen Mittel, um uns ein Billigimage aufzubauen.
Rechnet sich denn so ein Laden auch?
Wir brauchen jedes Jahr ein paar tausend Euro für Ersatzbeschaffungen und Reparaturen. Dennoch konnten wir schwarze Zahlen schreiben. Das beste Ergebnis lag bei 4000 Euro. Da uns danach aber die Lottoagentur gekündigt wurde, rutschten wir mit 3000 Euro ins Minus. 2011 gab es bei 330 000 Euro Umsatz wieder schwarze Zahlen.
Sie sind Autor des Dorfladen-Handbuchs. Was sind die Grundvoraussetzungen für ein erfolgreiches Konzept?
Gute Hauptlieferanten mit einem brauchbaren Sortiment und ein vernünftiges Personal mit Leidenschaft. Wichtig sind regionale Produkte, um sich von anderen Anbietern zu unterscheiden. Wir haben in Otersen einen Biobetrieb im Dorf, von dem wir zentnerweise feldfrische Waren bekommen. Dadurch sind wir unschlagbar günstig, können beispielsweise Erdbeeren 50 Cent billiger als im Supermarkt anbieten.
Welchen Fehler dürfen Dörfer, die ebenfalls eine Genossenschaft gründen wollen, auf keinen Fall machen?
Wir haben damals den Fehler gemacht und alte Kühlgeräte gekauft. Weil das die reinsten Energiefresser waren, haben wir den ganzen Krempel nach vier Jahren wieder rausgeschmissen. Man sollte sich vorher schon gut informieren. Wichtige Tipps stehen auf der Internetseite dorfladen-netzwerk.de oder in meinem Handbuch.
Interview: Peter Rütters