
Mal begleitet Katharina Thimian einen Jungen in die Förderschule, mal fährt sie Essen auf Rädern aus – ein Jahr lang, im Bundesfreiwilligendienst. Ihren Job haben bisher „Zivis“ erledigt. Doch die sind seit dem 1. Januar Geschichte.
Text: Christian Wolters, Fotos: Chris Gossmann
Ob ihm nun jemand mit langen oder kurzen Haaren die Gemüsesuppe bringt, ist Bodo Kolibaba ziemlich schnuppe. Seit mehr als zehn Jahren lässt sich der mittlerweile 85-jährige Wesselner das Mittagessen vom Paritätischen liefern, er hat reichlich Menu-Chauffeure kommen und wieder fahren sehen. Er verstand sich mit allen, sagt er, und obwohl sie nicht beim Militär waren wie er, kam er auch mit den Zivildienstleistenden prima klar. Jetzt gibt es keine Zivis mehr. Das Essen aber, das gibt’s zum Glück weiter.
Heute steht Katharina Thimian mit der grünen Styroporbox vor der Haustür des sportlichen Rentners. „Oh, wie haben Sie sich verändert, Kerstin!“, begrüßt Kolibaba die 20-Jährige und grinst schelmisch. Die lächelt zurück, sagt: „Kerstin kommt morgen wieder“, und stellt sich vor. – „Aha, Katharina die Große, das passt sogar“, meint Kolibaba charmant. Der Bauingenieur plaudert mit seiner Besucherin noch kurz über die Vorzüge heißer Suppen an kalten Tagen, Augenblicke später sitzt sie wieder im silbernen Skoda und drückt aufs Gaspedal. Im Warmhalte-Ofen hinter ihr dampfen noch Putengeschnetzeltes und Rinderbraten, fünf Portionen für Kunden in Diekholzen und Hildesheim. Katharina Thimian kann sich keine Trödelei erlauben. Und so steuert sie noch vor 12 Uhr die nächsten Stationen an. Bereitwillig zerkleinert sie für eine Rentnerin das Fleisch, trägt der nächsten die mit Alufolie zugeschweißte Schale an den Tisch, nimmt für eine weitere noch schnell die Post mit. Die junge Hildesheimerin murrt über nichts, schließlich nennt sich das ganze hier nicht ohne Grund „Bundesfreiwilligendienst“. Sie hat es sich ausgesucht. Und unter Zeitdruck Essen auszufahren so wie heute, das gehört eindeutig zu Katharina Thimians einfacheren Aufgaben.

Insgesamt 93 überwiegend junge Menschen haben sich in der Stadt und im Landkreis bisher wie sie für das neue, einjährige Angebot entschieden. Es steht Männern und Frauen jeden Alters offen. Der Lohn: ein sogenanntes Taschengeld von höchstens 330 Euro. Der Plan: die BFDler oder „Bufdis“ sollen die Lücke schließen, die der Wegfall der Zivis gerissen hat. Rein zahlenmäßig ist das noch nicht gelungen. Im vergangenen Frühjahr waren in der Region noch 312 Zivis im Dienst, gut dreimal so viel wie heute BFDler. Auch der Paritätische hat in den Hochphasen 24 Zivis beschäftigt, inzwischen ist der Zirkel arg geschrumpft. Auf exakt sechs junge Leute im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ). Und auf vier BFDler: Da wären zwei junge Fachabiturientinnen, die die Zeit bis zum Studium sinnvoll nutzen und ihre Zeit beim Paritätischen als Vorpraktikum einbringen wollen. Dann ein 20-Jähriger, der seine Malerausbildung geschmissen hat, jetzt Heilerziehungspfleger werden möchte und im BFD plötzlich mehr verdient als im ersten Lehrjahr. Und natürlich Katharina Thimian, die Vierte im Bunde.
Die Hildesheimerin ist durch eine Zeitungsanzeige auf die BFD-Stellen beim Paritätischen aufmerksam geworden. Im vergangenen Sommer war das, sie hatte gerade ihr Abi an der Hermann-Nohl-Schule in der Tasche, wollte eigentlich studieren, am liebsten Pädagogische Psychologie. Nur, dass ihr Notenschnitt dafür nicht ganz ausreichte. Was also tun? Warten auf den ersehnten Studienplatz? Einfach nur jobben? „Dann lieber erst mal Bufdi“, entschloss sie sich: „Das bringt einen in der Berufswahl voran, und man macht was Sinnvolles.“

Gerade sitzt das Sinnvolle mal wieder vor ihr auf dem Stuhl und wartet ungeduldig auf die große Pause. Die Weihnachtsferien sind vorbei, und die junge Freiwillige hat den Menü-Bringdienst wieder gegen ihre eigentliche Beschäftigung beim Paritätischen eingetauscht: die Schulbegleitung. Seit Anfang November weicht sie dem neunjährigen Florian (Name geändert) in der Förderschule am Bockfeld nicht von der Seite. Der quirlige Junge spricht nicht, stößt manchmal den Kopf gegen die Wand – und ist ein Wegläufer. Bekommt er die Chance, geht er stiften.
Deshalb stiefeln sie kurz darauf gemeinsam über den Schulhof. Florian zufrieden lächelnd vorweg, Katharina in ein paar Metern Abstand hinterher. Der Junge aus der 4. Klasse wählt jeden Tag fast exakt die gleiche Route. Bahnt sich den Weg durch die anderen Schüler, große, kleine, egal. Vorbei an den Spielgeräten und dem Fußballplatz, dann ein Zwischenstopp zur Inspektion der kaputten Rollstuhlschaukel, schließlich den grünen Hang hinauf zum Zaun, dran lang und wieder zurück. Und immer wieder zwischendurch: dieser verschmitzte Schulterblick zurück auf die Begleiterin.
Dreimal muss die heute beweisen, wer schneller sprinten kann. Doch sie schafft das, erwischt Florian am Anorak und bugsiert den Jungen wieder auf den richtigen Weg. Ein kurzer Klagelaut, doch im nächsten Moment wirkt der Neunjährige wieder, als sei nichts passiert. Im November hätte er sich noch brüllend auf den Boden geworfen – das hier ist ein klarer Fortschritt.

Und der ist im anschließenden Unterricht noch besser zu beobachten. Sachkunde steht auf dem Stundenplan, Lehrerin Birte Hegemann nimmt mit ihrer Klasse gerade die Tiere des Waldes durch. Sie hat mit den acht Schülern das Wisentgehege besucht, war auch im Forst unterwegs, jetzt teilt sie Fotokopien aus. Eichelhäher, Eule, Hirsch, alles zum Ausmalen. Ein brauner Buntstift wäre gut, doch Florian greift sich zielstrebig einen gelben. „Gelb? Na dann malen wir eben erst mal die Sonne!“, sagt Katharina Thimian. Sie umschließt die rechte Hand des Schülers mit ihrer, und schon führen beide gemeinsam den Stift übers Papier.
„Ohne Katharina wäre das nicht drin, dann würde er jetzt wieder in seine Welt abtauchen“, vermutet Lehrerin Hegemann. Sie kümmert sich mit Erzieher Ralf Niehoff um die kleine Gruppe, aber für Florians Sonderbetreuung ist nur dank der BFDlerin Zeit. „Dabei saugt Florian alles auf, was wir ihm anbieten, wie ein Schwamm“, freut sich die Lehrerin. Und dann sagt sie noch, dass sie inzwischen hofft, er könne vielleicht mal Buchstaben lernen und auf eine ganz andere, neue Art mit seiner Umwelt kommunizieren.
Die junge Freiwillige an Florians Seite wird das wohl nicht mehr mitbekommen, in knapp acht Monaten endet ihr Dienst. Gerade lässt sie wieder einen Wutanfall über sich ergehen, denkt sich wie so oft: „Hey, das hat nichts mit mir zu tun.“ Der Junge hat sich auf den Boden geworfen, brüllt, er will nicht auf die Toilette – und er geht am Ende doch, weil Katharina freundlich, aber unnachgiebig bleibt.
„Ich bin viel geduldiger geworden“, sagt die 20-Jährige später. Es ist kurz vor 13 Uhr, Feierabend. Eigentlich liegt der halbe Tag noch vor ihr, sie könnte zu ihrem Pferd fahren oder raus in die Natur gehen, zum Fotografieren. Doch sie wird sich wohl lieber ausruhen, die Dauer-Aufmerksamkeit hat sie ziemlich geschafft. Auch wenn ihr Vater in der Lebenshilfe arbeitet, ihre Mutter mal in der Diakonie beschäftigt war – engen Kontakt zu behinderten Menschen hatte die Hildesheimerin noch nie. Der BFD hat das verändert. Durch Theorie, etwa in den einwöchigen Seminaren, in denen sich die 20-Jährige und die anderen Freiwilligen mal als Rollstuhlfahrer durchschlagen mussten, um zu erfahren, wie es sich anfühlt, angestarrt oder wie Luft behandelt zu werden. Und natürlich durch die Praxis, in der ein einziger Freudenlaut Florians ausreicht, um sie daran zu erinnern, warum sie das alles macht.
„Wir stellen eigentlich immer fest, dass die Freiwilligen durch ihren Dienst selbständiger werden“, sagt Andreas Wissel, der sich beim Paritätischen um den Einsatz der BFDler und FSJler kümmert. Dieser Nebeneffekt sei aber auch bei den Zivis zu beobachten gewesen, auch wenn die nicht immer ganz so freiwillig zur Stelle waren. „Etliche sind in den sozialen Bereich gegangen, weil sie gemerkt haben, dass ihnen das liegt“, sagt Wissel.
Das ist auch bei Katharina Thimian so. Was ihr Berufsfeld angeht, ist sie sich sicherer geworden, sagt sie, und auf eine gewisse Art wird sie sich wohl weiter in den Dienst anderer, hilfsbedürftiger Menschen stellen. Sie will sich vom Juni an bewerben, so viel steht fest.
Bodo Kolibaba, der Wesselner Rentner, wird sich bis dahin an neue Menü-Lieferanten gewöhnt haben, wie schon so oft in den vergangenen Jahren. An jenem Tag, an dem ihm Katharina Thimian die Gemüsesuppe vorbeigebracht hat, zieht er sich vorm Essen noch mal in seinen Hobby-Keller zurück, es ist schließlich erst kurz nach 11 Uhr, viel zu früh zum Essen. Lieber nimmt er die Lupe zur Hand und baut noch ein wenig an seinem hölzernen Modell des Schlachtschiffs Bismarck. Er mag die jungen Leute, die ihn jeden Vormittag besuchen, mag auch den Kontakt mit ihnen. „Ein paar Worte nur, wir müssen ja nicht gleich eine halbe Stunde lang labern“, sagt er und lacht.
Es ist 13 Uhr, als er endlich die Suppe in die Mikrowelle schiebt. „Tadellos!“, lautet sein Urteil nach dem ersten Löffel. Und dass er keinen Nachschlag mehr bekommt wie früher, als seine Frau noch lebte, das fällt ihm schon fast nicht mehr auf. Ist ja auch viel gesünder so, ergänzt der 85-Jährige. Ja, er will noch lange leben. Wenn es nach Bodo Kolibaba geht, können gar nicht genug neue Bufdis bei ihm auf der Türschwelle auftauchen.
Bundesfamilienministerin Christina Schröder (CDU) zeigte sich zufrieden: Gerade mal vor einem halben Jahr wurde der Bundesfreiwilligendienst (BFD) eingeführt, der die Lücke schließen soll, die durch den Wegfall des Zivildienstes entstand. Er ähnelt dem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ), steht aber auch Menschen über 27 Jahren offen und wird nicht von den Ländern, sondern vom Bund gefördert. Bislang haben sich schon mehr als 26 000 Menschen für den BFD entschieden. Die Zielmarke von 35 000 sei machbar, befand die Ministerin. Von ihrer Jubelstimmung lassen sich außerhalb der Politik aber nicht alle anstecken, auch nicht in Hildesheim.
Die Zahlen: Bis Anfang Januar hatten sich in Stadt und Landkreis 93 Freiwillige für den neuen Dienst gemeldet, darunter 48 Männer. Nur zwei der „Bufdis“ sind über 27 Jahre alt – in Niedersachsen (2592 Verträge) liegt der Anteil bei 20 Prozent. Im Landkreis Göttingen gibt es 160 BFDler, im Landkreis Oldenburg 69, in der Stadt Braunschweig 119. „Insgesamt betrachtet, hätten wir mit so einem hohen Zulauf nicht gerechnet“, sagt Josef Opladen, Sprecher des Kölner Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben.
Die Einsatzorte: Um die Dienste der BFDler haben Krankenhäuser, Behindertenheime, Wohlfahrtsverbände, aber auch Bildungs-, Sport- und Kultureinrichtungen geworben. Die Resonanz in Hildesheim fällt unterschiedlich aus. Beispiel St.-Bernward-Krankenhaus: „Wir sind bisher total zufrieden“, sagt Sprecherin Judith Seiffert. Ziel des BK sei es ohnehin, soziales Engagement zu fördern. So setzt das Krankenhaus bereits 20 BFDler ein, dazu 23 FSJler. Vergleichsweise mau dagegen die Nachfrage in den Alten- und Pflegeheimen. „Trotz bundesweiter Werbekampagne hatten wir keine einzige Bewerbung“, sagt Volker Hagemann. Der Leiter des AWO-Seniorenzentrums Hinrich-Wilhelm-Kopf würde BFDler gerne als Fahrdienst oder in der Begleitung einsetzen, nicht in der Pflege. Er vermutet, dass Arbeit mit Kindern und Behinderten gesellschaftlich höher angesehen ist als mit Alten: „Das Problem ist zunehmend, dass die Einrichtungen zu Pflegeheimen werden, Demenzerkrankungen und hohe Sterberaten sind Alltag – und das wird oft negativ dargestellt.“
Die Aussichten: „In diesem Jahr konnten wir den Engpass noch mit Festangestellten und BFDlern ausgleichen“, sagt Elisabeth Fokken, die Geschäftsführerin des Paritätischen Hildesheim-Alfeld. Aber diesmal gab es ja auch den doppelten Abi-Jahrgang – und viele junge Schulabgänger. Ohne die Freiwilligen müssten aber beim Essen auf Rädern mehr Festangestellte eingesetzt werden, der Service würde die Kunden dann mehr kosten. Laut Bundesamts-Sprecher Opladen ist diese Sorge aber unbegründet: „Ich sehe das vorsichtig positiv. Im Moment gehen noch immer 200 Anträge pro Woche bei uns ein – warten wir doch mal ab!“